ZHPF: Rede von Nationalrat Andrea Caroni


Andrea Caroni Geschätzte LGBTI-­‐Community

Es ist mir eine grosse Ehre, am 20. Jubiläum der Zurich Pride sprechen zu dürfen. Und wenn Sie erlauben, tue ich das, was viele von Ihnen auch schon getan haben: Ich  oute  mich.  Es  geht  mir  nämlich wie  meiner Vorrednerin Corinne Mauch (und überhaupt den Damen unter Ihnen) -­‐    auch ich stehe auf Frauen.

Übrigens: Auch als Hetero-­‐Mann  habe ich eine – wenn auch im Vergleich zu Euch   natürlich   nur   minime  -­‐  Erfahrung   darin   was   es   heisst,   seine Geschlechtlichkeit   ständig   erklären   zu   müssen,   nämlich   wegen   meines Namens:  „Andrea“  ist  die  italienische  Fassung  von  „Andreas“,  altgriechisch  für „der Männliche“. Aber in der Deutschschweiz, wo ich aufwuchs, ist „Andrea“ wegen des „a“ bekanntlich ein Frauenname. Was das nun ergibt, können sie selber zusammenzählen: „Die Männliche“. Vielleicht wirft mir jetzt die Junge SVP vor, Teil der Genderelite-­‐Verschwörung  zu sein. Aber um es mit Conchita zu sagen: Das ist mir Wurst.

Der wahre Grund aber, weshalb ich heute zu Ihnen eingeladen worden bin, liegt wohl in meinem politischen Bekenntnis. Lassen Sie mich es in einem Lied darstellen:


[„Over the Rainbow“ erklingt mit der Zeile „Somewhere over the rainbow, way up high, there’s a land that I heard of once in a lullaby“] 

„Irgendwo über dem Regenbogen, ganz weit oben, da ist ein Land, von dem ich einst in einem Wiegenlied hörte“.

Dieses Lied, „Over the Rainbow“ aus dem Film „The Wizard of Oz“ von 1939, erklingt bei  mir  zu  Hause  tatsächlich als  Wiegenlied. An  der  Babyschaukel meines  4-­‐monatigen  Töchterleins  hängt  nämlich  eine  Musikdose,  aus  der  es täglich frohgemut erklingt.

Das Land im Lied, zu dem mein Töchterchen einschläft, ist ein Land, in dem der Regenbogen schillert. Ein Land, in dem es kein schwarz und weiss, sondern nur bunt gibt.

Der Regenbogen in all seinen Farben – und samt seinem eigenen Lied – ist zu Recht auch Symbol der LGBTI-­‐Community.

Daher bin ich heute bei Ihnen: weil ich Ihre Grundhaltung teile. Es ist eine Grundhaltung der Toleranz, der Vielfalt, der Buntheit und des Lebens und des leben      Lassens.      Als      Politiker      nenne      ich      diese      Überzeugung „Gesellschaftsliberalismus“.

Viele  denken  beim  Liberalismus,  bei  der  Freiheitsliebe,  vor  allem  an  die wirtschaftliche Freiheit, also die Freiheit einen Beruf zu wählen, darin Erfolg zu haben    und    die    Früchte    der    eigenen    Anstrengung    zu    ernten.    Die Wirtschaftsfreiheit ist für unseren Wohlstand natürlich unerlässlich. Aber die Freiheit ist unteilbar. Sie gilt immer auch für die private Lebensgestaltung.

Als Gesellschaftsliberaler sage ich deshalb: Es geht den Staat nichts an, wenn ein erwachsener Mensch am Samstagabend in seiner Wohnung einen Joint anzündet. Es geht den Staat nichts an, wenn jemand einer bestimmten Religion zugehört und dies z.B. mit seinen Kleidern zeigt. Und vor allem geht es den Staat nichts an, wen Sie lieben oder was Sie in ihrem Schlafzimmer – oder wo immer Sie wollen – tun.

Gerade  letzteres,  die  Toleranz  gegenüber  sexueller  Orientierung,  ist  keine Selbstverständlichkeit. Erst 1990 strich die UNO die Homosexualität von der Liste der Krankheiten – bei den Transmenschen ist man noch nicht einmal so weit. Noch heute wird Homosexualität in über 75 Ländern verfolgt.

In  der  Schweiz  sieht  es  zum  Glück  besser  aus:  „Schon“  1938  wurde  der Straftatbestand der Homosexualität aus dem Strafgesetzbuch gekippt. 2005 führten wir sodann per Volksabstimmung die eingetragene Partnerschaft ein.

Aber noch immer bestehen zahlreiche Diskriminierungen:

•  Eine erste Diskriminierung geschieht oft in der Schule, wo LGBTI-­‐Kinder vielen Hänseleien ausgesetzt sind. Statt dass man die  Mitschülerinnen und Mitschüler sensibilisiert und informiert, fordern konservative Kreise

Aufklärungsverbote. Ein Zürcher SVP-­‐Nationalrat  hat sich letzte Woche sogar erdreistet zu sagen, Homosexuelle seien „unnatürlich“ – ob dieser Politiker wohl an einem „verschobenen Hirnlappen“ leidet?

•  Zweitens  sind  Sie  beim  Bürgerrecht  benachteiligt  –  die  erleichterte Einbürgerung ist der eigentlichen Ehe vorbehalten.
•  Hier droht die dritte Diskriminierung: Eine Volksinitiative der CVP  will den klassischen Ehebegriff in der Bundesverfassung zementieren,  um gleichgeschlechtliche Paare auf alle Zeiten von der Ehe auszuschliessen. Ich kämpfe hier im Parlament an vorderster Front dagegen.
•  Eine vierte Diskriminierung: Nach wie vor haben gleichgeschlechtliche Paare keinen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin.
•  Ja sie haben – fünftens -­‐   noch nicht einmal die Möglichkeit zur Adoption.
Immerhin  erhalten  Sie  voraussichtlich  bald  das  Recht  zur  Stiefkind-­‐ Adoption, also das Recht, das Kind des Partners oder der Partnerin zu adoptieren. Ich habe mich auch dafür im Parlament stark gemacht.

Ein Gedanke zu den letzten zwei Punkten, welche die Kinder betreffen: Warum sollen nur heterosexuelle Paare Kinder aufziehen dürfen? Wir trauen in der Schweiz ja an sich jedem zu, ohne amtliche Bewilligung Kinder zu kriegen. Aber die ganze LGBTI-­‐Community  erachtet man kategorisch als unfähig, für Kinder zu sorgen. Ich sage Ihnen: Zwei enge Freunde von mir sind ein homosexuelles Paar.  Würde  mir  und  meiner  Freundin  etwas  zustossen, wäre  ich  froh  zu wissen, dass Menschen wie sie meinem Baby fürsorglich schauen würden. So wie sie heute Nachmittag hier sind und mein Baby im Arm halten, während ich zu Ihnen spreche. Ich danke Euch.

Geschätzte Community: In der Kuppel des Bundeshauses ist ein Mosaik, auf dem steht: „Alle für einen, einer für alle“.

Ich bin stolz auf die Vielfalt unserer Schweiz  in  allen  Facetten,  von  der  Landschaft  über  die  Sprachen  bis  zur Mentalität – und zur Sexualität. Und wenn die Sonne durch die Bundeshaus-­‐ Kuppel  strahlt,  so  erscheint  das  Glas  in  der  Kuppel  schillernd  wie  ein Regenbogen. Dieses Land, bunt wie der Regenbogen im Lied, wünsche ich mir, meinem Töchterlein, Ihnen allen – uns allen. Seien Sie stolz, auf das, was Sie erreicht  haben

Und  kämpfen  wir  gemeinsam  weiter  für  die  vollständige Gleichstellung ­

‐   jetzt erst Recht.

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